Guille und ich sind beide echte Sturköpfe. Wenn wir uns etwas in den Kopf gesetzt haben, wie etwa mit dem Fahrrad nach Athen zu fahren, dann ziehen wir das auch durch. Außer… Eine dieser Ausnahmen hatten wir vor kurzem. Resultat: Aus dem Fahrrad wurde ein vollgestopfter Linienbus und wir ließen uns durch die bosnischen Berge chauffieren. 😉 Mehr davon erzähle ich euch gleich.
Die Woche des Balkan-Obstes
Müsste man die Freundlichkeit der Einheimischen (aktuell beschränkt sich unsere Meinung ja vorerst nur auf Kroaten und Bosnier) auf die Waagschale legen, würde folgendes dabei rauskommen: 4 Kilo Mandarinen, 2 Kilo Granatapfel, 1 Kilo Zitronen und 1 Kilo Weintrauben 😉 – also jede Menge.
Alles fing nämlich damit an, dass wir von der Unterkunft am Strand in Promajna bereits vitaminreich wegfuhren. Die Frau vom Gästehaus gab uns noch ein Sackerl voller Mandarinen und Weintrauben aus ihrem Garten mit, damit wir nach ihren Aussagen genug Vitamine zum Fahrradfahren hatten. Interessant waren vor allem auch ihre Erzählungen über die Region. So schön auch alles aussah, außer den 3-4 Monaten im Jahr, die sich zum Baden eignen und Touristen anziehen, gibt es an den meisten kroatischen Küsten leider keine Arbeitsplätze. Das heißt, der Großteil der Einheimischen erwirtschaftet durch den Tourismus den Lebensunterhalt für ein ganzes Jahr. Vor allem die Jüngeren trifft das hart. Viele sind perfekt ausgebildet, nach dem Studium dann aber leider dauerhaft arbeitslos. Ich sag nur: Spanien lässt grüßen. Auch dort ist die Situation leider eine ähnliche. ;-(
Nach Promajna ging es für uns in Richtung Bosnien und Herzegovina. In einem der letzten kroatischen Dörfer waren wir am späten Nachmittag auf der Suche nach einem geeigneten Campingplatz. Je entlegener, desto besser, also fuhren wir in Richtung der Felder und Obstbäume. Einige Bauern waren ab und an zu sehen, sonst war es dort recht ruhig – bis wir dann plötzlich vor einer Sackgasse standen. „Wollen Sie eine Mandarine“, hörte ich dann auf einmal eine Stimme hinter mir sagen. Aus einer wurde dann aber eine ganze Tasche voll. Wir waren nämlich auf ein kroatisches Pensionstenpärchen gestoßen, die gerade in ihrem Obstgarten arbeiteten. Wie es der Zufall so will, lebte der Mann in seiner Jugend drei Jahre in München. Während er bedächtig Mandarinen, Granatäpfel und Zitronen in unsere Tasche schaufelte, erzählte er uns ein wenig von seiner Bayernerfahrung. Nebenbei fragte ich ihn noch nach einem möglichen Campingplatz oder ob er nicht irgendwo eine passende Wiese wisse (Augenzwinker, schließlich hatte er einen riesigen Obstgarten), aber er verwies uns auf einen der 20 Kilometer entfernt war und verstand die Anspielung nicht so recht. Mit so viel Obst, dass laut Guilles eigener Aussage „ja bald das Hinterrad platzt“ zogen wir also von dannen.
Zu guter Letzt bekamen wir dann von einer weiteren bosnischen Familie, in deren Appartement wir schliefen, Granatäpfel ohne Ende und einen superleckeren Apfelkuchen. @Mama: Die in Bosnien haben dein Rezept für Steirische Apfelschlankerl kopiert. 😉
Sagt mal seid ihr alle komplett bescheuert?
Somit befanden wir uns also das erste Mal auf bosnischem Terrain und ich muss leider sagen es war keine Liebe auf den ersten Blick. Schuld war nicht nur das Wetter, sondern vielmehr der Verkehr. Bis jetzt hätte ich für den Platz Eins der schlechtesten Autofahrer-Nation eindeutig Italien nominiert. Aber nein, der Spitzenplatz geht nun an „Trommelwirbel“ Bosnien und Herzegovina (BiH). Die Überholmanöver eines BiH-Autos sind filmreif. Wenn sie einen guten Tag haben, dann lassen sie vielleicht noch zwanzig Zentimeter zwischen deiner Fahrradtasche und ihrem Reifen, ansonsten auch nur zehn. Schlimmer wird’s dann noch bei den Bussen und Lastwägen. Einmal kam einer so nah, dass Guille meinte: „Der wusste, dass wir campen waren und du zerstört ausschaust. Deshalb fährt er mit seinem Seitenspiegel so nah ran, dass du einen Makeup-Check machen kannst.“ Das war für einen Nachmittag dann genug an Action und wir suchten uns eine Alternativstrecke mit Schotterpiste um nach Mostar zu kommen.
Das Wetter hat dann noch seinen Beitrag geleistet. Bei schönstem Sonnenschein befuhren wir die Region Mostar und dann… ein Wind, so was hatte ich echt selten gesehen. Abgesehen davon, dass es dreimal so anstrengend war auf flacher Strecke voranzukommen, fiel es mir schwer mein Fahrrad gerade zu halten. Da kamen teilweise Windstöße von der Seite, die mein Rad schnell mal um 15 Zentimeter seitlich versetzt haben. Unsere Rechnung war daher: Wahnsinnige Autofahrer + Windkanal = schlechte Idee. Außerdem waren wir zu Fuß wesentlich schneller unterwegs. Somit hieß es jetzt schieben und das leider für ganze zwei Kilometer auf einer stark befahrenen Straße ohne Gehsteig. Welcome to Bosnia! 😉
So jetzt erzähl ich euch aber die Wand-Geschichte
Nachdem wir heil angekommen waren, verbrachten wir einen Nachmittag in Mostar. Mit seiner bekannten Steinbrücke und einem kleinen Innenstädtchen reichte das auch vollkommen aus. Dann wollten wir eigentlich noch nach Sarajevo weiter. Aber: Zwischen uns und der bosnischen Hauptstadt lagen zwar nur 120 Kilometer, dafür aber mehr als 2.500 Höhenmeter – eine richtige Bergwand also. An ganz guten Tagen schaffen Guille und ich zwischen 800 und 1.000 Höhenmeter. Was also bedeutete: Entweder wir strampeln drei Tage wie verrückt oder wir setzen uns 2,5 Stunden in einen Bus. Ui verlockendes Angebot… Im Normalfall hätte ich ja gesagt: Lassen wir es bleiben und wir fahren weiter ohne in Sarajevo gewesen zu sein. Jedoch wollte ich schon seit Ewigkeiten mal dort hin und gehe Guille schon seit mehreren Jahren auf die Nerven. Bis jetzt hatte ich es aber noch nicht geschafft, ihn von einer 10-stündigen Busfahrt von Wien nach Sarajevo zu überreden. 😉
Unser Plan war also: Am Morgen hin und am Abend zurück. Die Räder blieben währenddessen im Appartement. Im Nachhinein bin ich für die Entscheidung echt froh. Die Busfahrt war nämlich traumhaft schön, eine Fahrradtour wäre aber eine einzige Quälerei gewesen. Wenn ich jetzt so an die Strecke zurückdenke, fällt mir nur eines ein: Wie hat man es nur geschafft bei dem ganzen Gebirge und den Steinen eine vernünftige Straße zu bauen? Der Bus fährt anfangs entlang eines Flusses, wo es links und rechts nichts als karges und unbewohntes Gebirge gibt. Später geht es dann in Schlangenlinien auf und ab. Gibt es mal eine größere flache Stelle, wurde dort eines der wenigen Dörfer erbaut. Tja und das war’s auch schon. Einmal passierten wir auch einen längeren Tunnel, wo kein Licht war. Da gab es wohl einen technischen Defekt und der Busfahrer musste das Fernlicht einschalten um irgendwas zu sehen. Wieder ein Punkt für uns, denn mit dem Fahrrad wäre das natürlich höchst interessant gewesen.

In Sarajevo nahmen wir dann wieder an einer Free Walking Tour teil.
- Wusstet ihr, dass es dort drei offizielle Religionen gibt, wovon die Muslime mit 85 % die größte Gruppe sind? (Katholisch, Orthodox, Muslime)
- Dass es daher auch drei Präsidenten gibt, einen für jede Religion?
- Dass in Sarajevo knapp 400.000 Leute wohnen, es aber unglaubliche 200 Moscheen gibt?
- Dass die arabischen Staaten wie verrückt investieren und zB Einkaufszentren dort bauen?
Wir hatten davon zuvor jedenfalls keine Ahnung. 😉
Die persönlichen Erzählungen unseres Tourguides über den Krieg Anfang der 90er-Jahre machten uns dann noch etwas nachdenklich. Etwa dass Sarajevo vier Jahre lang belagert wurde und die Bewohner in dieser Zeit in ihren Kellern leben mussten. Neben Bomben und Kämpfen waren nämlich Scharfschützen auf den Hügeln rund um die Stadt positioniert, die einfach mal so Passanten töteten. Unser Tourguide war auch erst 30 (also genau so alt wie Guille) und hatte als kleines Mädchen das alles miterlebt. Sie schaffte es mit viel Humor wirklich traurige Geschichten und ihre eigenen Erlebnisse rüberzubringen. Wo andere ihr Leben lang traumatisiert wären, sagt sie einfach nur: „Come on, life must go on. Now I appreciate small things like having enough food.“
Diese Tour war dann auch mit ein Grund, wieso ich später im Bus saß und Einschusslöcher in Gebäuden suchte. Unser Guide erzählte uns zwar, „we could rebuild most of the buildings in Sarajevo and are proud that we don’t need to refer to our city as Swiss cheese“ aber natürlich gab es doch noch so einige Kriegsrückstände.
Alles in allem hat uns die Stadt also super gefallen. Einzig das Wetter hätte etwas besser sein können. Bei mickrigen 5 Grad und unserem angesagten Zwiebellook (zieh einfach alles an, was du in deiner Fahrradtasche hast) saßen wir daher dann um 16 Uhr schon wieder im gut beheizten Autobus in Richtung Mostar.
Die Rückfahrt per Fahrrad zurück zur bosnischen und kroatischen Küste und in Richtung Dubrovnik war dann zum Glück nicht mehr so turbulent. Vielleicht lang es auch daran, dass Samstag war und wesentlich weniger Busse und LKWs unterwegs waren. Jedenfalls gab es wieder einen Respektabstand von mindestens dreißig Zentimeter. Daher: Ende gut alles gut.
Liebe Grüße aus Dubrovnik


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