Das erste Mal auf unserer Reise befinden wir uns in Ländern, von denen wir vorher ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung hatten. Zwei Tage waren wir in Montenegro und nun sind wir schon über die Grenze und befinden uns in Albanien. Das Nichtwissen ging sogar soweit, dass ich gar keine Ahnung von der montenegrinischen (geniales Adjektiv oder?) Hauptstadt hatte: Podgorica ist das nämlich. Und gestern hatten wir dann den größten Kulturschock auf unserer bisherigen Reise: Shkodra in Albanien. Hätte wer im Hintergrund Bollywood-Musik eingeschalten, ich hätte schwören können ich befände mich in Indien. 😉

Aber zuerst kam Dubrovnik!

Wir hatten das beste Beispiel erlebt, wie Massentourismus den Charme einer wirklich wunderschönen Stadt zerstören kann. Die Berühmtheit, die Dubrovnik durch Games of Thrones und auch bald durch Star Wars (die neue Episode soll hier nämlich gedreht werden) erlangt hat, die Schlangen von Kreuzfahrt-Touristen, die durch die Stadt getrieben werden plus unendlich viele Autobusse von überall her, das war einfach zu viel. Von den Preisen mal ganz abgesehen.

Nach Dubrovnik wollten wir also wieder in ruhigeren Orten pausieren. Marko, den wir über Warmshowers kennen gelernt hatten, gab uns dafür die perfekte Möglichkeit. Am letzten Zipfel von Kroatien hat er nämlich einen Naturpark aufgebaut bzw. man könnte es auch einfach „ein Park mit Hippiecharakter“ nennen. Neben einer sehenswerten Toilette (hier hat Guille davon ein Video gemacht, ab der 8. Minute ist es dann kurz zu sehen 😉 ) hat er mit Hilfe von Abfall interessante Skulpturen und Kunstwerke geschaffen. Wir hatten also alles was wir brauchten: Wasser, Zeltplatz, Lagerfeuer, superschönen Ausblick von oben auf das Meer und – aufgepasst – einen Babyhund.

Damit ich ihn mir nicht direkt aufs Fahrrad schnalle, ging es dann am nächsten Tag gleich früh los. Bewaffnet mit Markos Tipps und wiedermal einem Bio-Granatapfel (mittlerweile glaub ich schon, dass das BiP von Kroatien auf dieser Frucht und auf Mandarinen beruht) ging es dann nach Montenegro.

Ah ja der Kerosin-Zwischenfall!

Wir brauchten neuen Treibstoff für unseren Campingkocher. Bei unserem ersten Versuch, in einem Gemischtwarenladen danach zu fragen, sind wir zwar gescheitert, dafür kam aber ein Kroate auf einem Motorrad daher. Unglaublich was ich euch jetzt erzähle! Er hat im Shop von Guilles Problem mitbekommen und von sich aus ein anderes Geschäft in der Nähe angerufen. Nachdem niemand abhob, gab er Guille ein Zeichen, dass er in fünf Minuten wieder komme. Wir saßen also auf dem Gehsteig vor dem Geschäft und plötzlich stand er mit einer Flasche Kerosin wieder vor uns. Wir bedankten uns tausendmal und wollten ihm die 32 Kunar (=4 Euro) geben, da meinte er nur: „No, have a happy day!“ Wir versuchten ihn noch zu überreden, dass er das Geld nehmen sollte, aber bevor er auf das Gas seines Motorrades stieg, meinte er noch: „Thanks for visiting my city“ und dann war er weg. So eine Freundlichkeit wie uns hier die Menschen entgegenbringen, hab ich echt selten erlebt. Gleichzeitig fühlt man sich aber auch ein bisschen schlecht. Wir aus dem Westen, die viel mehr haben, würden auf so eine Idee nie kommen. Wir verbringen lieber unsere Zeit mit Klischees wie „Dorthin mit dem Auto zu fahren, ist gefährlich, weil dort alles gestohlen wird.“ oder „Die Kriminalität in diesen Ländern ist besonders hoch.“ anstatt sich selbst ein Bild zu machen…

Montenegro – Ein großes „Dorf“ unter sich

Das Land von dem wir also nichts wussten. Seine Unabhängigkeit von Serbien hat es auch erst 2006 erlangt, wenn das für uns als Ausrede gilt, die Hauptstadt nicht gekannt zu haben. 😉 Insgesamt leben 650.000 Leute in Montenegro und wenn es nach deren Einwohnern ginge, soll das auch so bleiben. Nur wer nämlich hier geboren wurde, bekommt die Staatsbürgerschaft. Eine Ausnahme sind auch noch eingeheiratete Fremde. Das war es dann aber schon. Die Montenegriner bleiben lieber unter sich. Das geht dann soweit, dass Leute, die seit mehr als zwanzig Jahren hier wohnen für sechs Monate ausreisen müssen um nicht die Bedingung für die Staatsbürgerschaft zu erfüllen. Montenegro hat auch den Euro. Aber nicht etwa weil das mit der EU abgesprochen wurde, sondern einfach weil ihnen das als eine gute Währung erscheint. Genauso war es auch vor der Unabhängigkeit. Da hat man einfach die Deutsche Mark als Zahlungseinheit genutzt.

Woher wir das alles wissen? In Bar haben uns nämlich Alexandra und Dimo eine Nacht bei sich aufgenommen. Beide sind aus Moskau und leben schon seit sechs Jahren in Montenegro. Ihre Sicht auf die Dinge als Außenstehende zu erfahren, hat uns einen superlustigen Abend beschert. Man muss sich Montenegro nämlich wie ein kleines Dorf vorstellen. Jeder kennt jeden bzw. jeder hat zumindest einen gemeinsamen Bekannten.

Hier in Montenegro bleiben die Leute auch gerne unter sich. Alexandra und Dimo sind weithin als „das russische Pärchen“ bekannt. So gut wie jeder kennt sie in Bar (eine Stadt mit ca. 20.000 Einwohnern) und auch in anderen Teilen Montenegros und sie werden oft auf offener Straße angesprochen, haben aber keine Ahnung wer die Leute sind. Gleichzeitig wollen die Familien aber keine Neuankömmlinge in ihren Kreisen. Das ist der Grund wieso die beiden nach sechs Jahren zwar ein paar Bekannte haben aber nicht einen einzigen davon als Freund bezeichnen würden.

Mit „Catwoman“ on tour

Außerdem hat Alexandra noch den Beinamen „Catwoman“. Sie kümmert sich nämlich rührend um viele Straßenkatzen in ihrer Umgebung. Zusammen mit vielen streunenden Hunden gibt es diese dort nämlich massig. Dazu fährt sie jeweils morgens und abends eine 40-minütige Runde mit dem Fahrrad und füttert um die 10 Katzen und einen Hund. Eine gemeinsame Tour habe auch ich mit ihr an einem Abend gemacht. Vor der Haustür wartet dafür immer schon ein (und eigentlich kann man sagen ihr) Straßenhund auf sie, der sie jedes Mal begleitet. Er kennt den Weg schon auswendig, denn bei jeder Station springt auch für ihn ein kleines Stück Wurst ab. Es geht zu acht verschiedenen Plätzen, wo die Katzen pünktlich zum Futterholen erscheinen. Einmal ist das ein bestimmter Baum, ein anderes Mal eine Ecke am Parkplatz. Das Füttern der Tiere ist aber nicht das einzige, was Alexandra macht. Sie bringt die Katzen auch regelmäßig zu den Tierärzten und bezahlt die Rechnung aus eigener Tasche. In einem Land, wo Katzen und Hunde nichts wert sind, eine echte Ausnahme. Daher auch ihr Beiname und der Fakt, dass sie ständig von Leuten aus ganz Montenegro (zB 100 Kilometer von Bar entfernt) angeschrieben wird, wenn jemand eine kranke Katze findet.

Ihr Freund, der ein super intelligenter Programmierer mit einer eigener Software-Firma ist (hier zB ein Artikel über eines seiner Programme: I Write Like ) unterstützt sie hier ebenfalls. Summa summarum: Ein tolles Pärchen, die uns einen perfekten Aufenthalt beschert haben. Wir haben unser Bestes gegeben, damit wir ihnen das bayrische Bier und München schmackhaft machen konnten und sie uns vielleicht in einem Jahr mal besuchen kommen.

Neben den beiden konnten wir in Tivat (Montenegro) auch Rebeccas Garten kennenlernen. Wieso nur ihren Garten? Sie selbst ist nämlich gerade in der Türkei, hat uns über Couchsurfing aber den Garten ihres Hauses plus Wasserleitung angeboten. Bei strömenden Regen haben wir das auch dankend angenommen. Ein weiteres Beispiel für echte Gastfreundschaft und vor allem blindes Vertrauen.

Kulturschock Albanien

Nach nur zwei Tagen (tja Montenegro ist eben wirklich klein) waren wir dann auch schon in Albanien. Nach den ersten zehn Minuten in diesem Land wussten wir, dass das mal eine Begegnung der etwas anderen Art sein wird: Kühe, Schweine und ein ganzer Zoo auf der Straße, ein Schlagloch nach dem anderen, Radfahrer die auf Hauptstraßen in der Stadt in die falsche Fahrrichtung fahren und verwirrte und erstaunte Gesichter, wenn wir durch einen Ort radeln. Mittlerweile wissen wir schon mehr darüber: Albanien war ewig lang eine kommunistische Diktatur und ist erst seit 1990 frei. Daher hinkt das Land im Vergleich zu anderen Nachbarländern etwas hinterher und die Uhren ticken hier etwas langsamer.

Mehr davon aber beim nächsten Mal

Liebe Grüße aus Shkodra