Langzeitreisen ist eine Philosophie für sich, vor allem für Angestellte des 21. Jahrhunderts. Nachweislich verbringen wir unter der Woche mehr Zeit in der Arbeit als in unserem Bett. Kein Wunder also, dass man sich an diese Routine gewöhnt und sogar nach ihr verlangt. Ich wusste von Anfang an, dass dieses Problem kommen würde, die Frage war nur wann. Auf der Suche nach einer Routine auf Zeit landeten wir in der Villa Adeline.

Die zwei bis drei Wochen Urlaub in einem Stück, die sich ein Arbeitnehmer pro Jahr nimmt, sind zwar kurz, dafür aber sehr intensiv. Nach einer langen Durststrecke ohne Freizeit genießt man diese Wochen umso mehr. Gut so, denn schließlich hat man auch das ganze Jahr hart dafür gearbeitet. Was passiert nun aber, wenn sich diese drei Wochen endlos ausweiten? Sie sind dann der Preis wofür?

Genau diese Frage stellte ich mir in den letzten Wochen. Immerhin ist es mittlerweile schon der vierte Monat, den wir auf Reisen sind. Die ersten zwei Monate mit dem Fahrrad sind im Fluge vergangen. Viel Zeit zum Nachdenken gab es nicht. Wir saßen von früh bis spät im Sattel und dazwischen sahen wir neue, atemberaubende Landschaften, lernten unglaublich nette Menschen kennen und führten Selbstgespräche mit unserem inneren Schweinehund. („Ok 1.000 Höhenmeter sind es insgesamt. Ich glaub wir haben schon 500, fehlen also nochmal so viel.“)

Angekommen in Asien war plötzlich alles ganz anders: statt durchtrainierten Oberschenkeln und einem sattelfesten Po, war plötzlich ein starker Rücken fürs Rucksackschleppen und eine lockere Mentalität gefragt.

Kein Problem soweit: neue Kulturen, Religionen, Bräuche, Essen und Sprachen standen in den ersten Wochen im Vordergrund. Zum Verschnaufen blieb nicht viel Zeit. Alles wollten wir sehen: Reisterrassen, Berge, Strände, Großstädte – einfach nur her damit, wir saugten alles auf.

Aber bereits Ende Dezember dann die Ernüchterung: ein Tag hat so viele unendliche Stunden. Natürlich kann man neben dem Sightseeing viel lesen, Filme anschauen, mit fremden Leuten quatschen, Postkarten schreiben etc. Aber hat man sich das denn verdient? Was hat man denn in den letzten Tagen geleistet?

Während ich darüber schreibe, wird mir selbst klar, dass dieser Gedanke vollkommener Blödsinn ist. Aber wir leben eben in einer Leistungsgesellschaft. Von klein auf wird man darauf trainiert, etwas Sinnvolles mit seiner Zeit anzufangen. Das ist einerseits natürlich auch gut so, aber andererseits sollte man auch mal entspannen können. Ich gebe zu, dass ich gerne arbeite, um nicht zu sagen, manchmal zum Workaholic neige. Davon zeugt meine Unfähigkeit mit zu viel Freizeit umzugehen. Und jetzt? Willkommen Nora, stell dich deinen Dämonen!

Seit Anfang Dezember habe ich nun wieder angefangen als Online-SEO-Texterin übers Internet zu arbeiten. Das macht mir Spaß und füllt jede Woche zumindest sechs bis acht Stunden. Das war der erste Schritt, der mir im Dezember das Gefühl gab: ja, da leiste ich jetzt etwas.

Schon mal was von Workaway gehört?

Auf Dauer war das aber nicht wirklich ausgiebig. Spätestens an Silvester hatte ich dann so richtig wieder das Verlangen „wo anzupacken“. Wir hatten uns schon vor der Reise auf einer Website mit dem Namen „Workaway“ angemeldet. Unsere Idealvorstellung war es ein gemeinnütziges Projekt zu finden, wo man Kindern Englisch beibringt, Schulen aufbaut oder in einer Familie hilft.

Die Realität sah natürlich anders aus. Von den unzähligen Projekten waren die meisten kommerziell. Wir versuchten zumindest eines herauszusuchen, das sich noch am ehesten nach einem sinnvollen Projekt anhört. Ja ich weiß, es war dann doch ein Resort. Aber laut deren Beschreibung ein ökologisches, das mitten im Dschungel eine Erholoase bietet. Als auf geht’s.

Eingang von Adelines Villa

Willkommen in Adelines Villa!

Wenn ich heute an die vergangenen zwei Wochen zurückdenke (übermorgen geht’s nämlich wieder in die Zivilisation zurück), bin ich hin- und hergerissen. War es eine positive Erfahrung? Ja. Oder? Ich weiß es nicht. Am besten ich erzähl einfach mal.

Treffpunkt war in einem kleinen Ort (Gopeng) im Büro von Adelines Villa. Dort wurden wir von einem Pick-up abgeholt. Der Fahrer war sehr freundlich und erzählte uns ein paar Geschichten. Bei der Ankunft empfing uns auch gleich jemand und zeigte uns unsere kleine Hütte und wo das Bad im Resort zu finden war. Wir sollten es uns bequem machen und später zur Rezeption kommen.

Dort angekommen, war niemand. Später kam ein älterer Mann (Peter), der uns viele Sachen über das Resort erzählte, aber nichts wirklich was uns weiterbrachte. Was sollen wir hier arbeiten und wann? Wo gibt es Essen? etc. In den ersten Tagen fanden wir gleich heraus, dass man unendlich viel fragen musste. Obwohl von den ca. 30 Leuten, die ständig im Resort arbeiten, nur wenige Englisch sprachen, war das die einzige Möglichkeit etwas zu erfahren. Leider waren deren Antworten in den meisten Fällen sehr unbefriedigend, denn einer wusste nicht, was der andere tat und so gut wie niemand, was wir tun sollten. Daher auch der Auftrag am ersten Tag: wir sollten einfach relaxen und erstmal das Resort kennenlernen.

Kurz zum Resort: Es besteht aus vielen kleinen Hütten, die von unendlich vielen Pflanzen und Sträuchern umgeben sind und natürlich in allen Himmelsrichtungen den Dschungel vor der Tür haben. Das Freiluft-Restaurant ist der Haupttreffpunkt. Das Essen vom Buffet ist hier übrigens extrem gut und das Resort daher in der ganzen Region bekannt. (Das eine oder andere Kilo haben wir bestimmt zugenommen lol) Daneben gibt es noch zwei superschöne dekorierte Cafes, wo man relaxen kann.

Alarmstufe Rot

Tja, da waren wir nun hergekommen um bei einem „ökologischen Projekt“ mitzuhelfen und wo war dieses Projekt? Man erklärte uns kurz, dass gerade Nebensaison war und es nur wenig zu tun gab. Es waren kaum Gäste hier. Komisch, dachten wir uns. Das Management wollte uns fast nicht als Volontäre akzeptieren, weil wir kein Monat bleiben wollten. Später einigten wir uns per E-Mail auf drei Wochen. Aber wieso das Ganze, wenn es fast keine Arbeit gab?

mitten im DschungelAnstatt also an dem ersten Tag gleich mitanzupacken, waren wir inmitten des Nirgendwo ohne Beschäftigung. Ohne Internet. Ohne andere Personen. Ohne Zivilisation. Nur das Resort und wir. Drei Wochen lang. Ich ahnte Böses.

Fairerweise muss man sagen, dass wir uns an diese Stille und an unser „Dschungelcamp“, wie ich es dann liebevoll nannte, gewöhnt haben. Am zweiten Tag konnten wir zumindest zwei Stunden Knoblauch schälen (Juhu ich hatte Arbeit). Danach wurde ich nervig und fragte so gut wie jeden zweiten, ob es nicht etwas zu tun gab.

Übrigens: Eigentlich sollten wir im Resort die Urlauber bei Tätigkeiten wie Caving, Rafting, Dschungelwanderungen etc. begleiten und uns mit den Gästen unterhalten. Wir als internationale Outdoor-Guides. 😉 Das geschah in der Tat aber nur einmal bei einem Trekking durch den Dschungel. Tja keine Gäste, keine Arbeit.

Malaysias next Housekeeper

Als Ergebnis meines penetranten Nachfragens landeten wir die erste Woche beim Housekeeping. Wir putzen Zimmer (Fenster, Boden, Bad), lernten die Hotelbetten zu machen, reinigten Abstellräume und schleppten Matratzen. Ich muss ehrlich sagen, die Tätigkeit füllte mich kurze Zeit aus. Ich hatte zumindest 4-5 Stunden am Tag etwas getan. Ein wenig ärgerte mich aber die Einstellung der Angestellten hier. Sie sind alle supernett und auch wenn wir oft nicht dieselbe Sprache verstanden, war es zwischenzeitlich witzig. Oft kam es uns aber vor, dass Guille und ich arbeiteten und der Rest sich einen gemütlichen Lenz machte. Auch kein tolles Gefühl. Beispielsweise reinigten wir zu zweit ein Zimmer, während die zu viert ein anderes machten. Oder sie ließen uns die Fenster eines riesigen Meetingraums putzen – die ganzen Wände waren aus sehr viel Glas! –  und währenddessen saßen sie alle in einem Hotelzimmer und nur einer von ihnen arbeitete. Wir waren gekommen um zu helfen und nicht um die Arbeit eines anderen zu erledigen…

Gekrönt wurde dieses Gefühl der Unsinnigkeit noch davon, dass viele Arbeitsvorgänge keinen Sinn machten. Sie ließen uns Fenster putzen (haha Putzmittel gibt’s hier nicht) und ein paar Minuten später spritzten sie die ganze Fensterfront mit dem Gartenschlauch ab!!! Oder wir schleppten ein Zusatzbett von Zimmer A nach B und bauten es dort auf und fünf Minuten später kam ein neues Zusatzbett ins Zimmer A??? Oder wir räumten den ganzen Abstellraum auf und putzten offene Kisten und Boxen mit Geschirr und toten Tieren und wollten die ganzen Kisten danach genauso wieder hineinstellen. Wenigstens in dem Fall hatte ich mich durchgesetzt und gefordert, dass wir die Boxen bitte wieder zukleben, da sonst wieder der gleiche Miste passieren würde. Ich könnte die Liste leider unendlich fortsetzen.

Der Höhepunkt war dann, als endlich das Resort voll war. Eine riesige Firma (130 Personen) aus Kuala Lumpur hatte die ganzen Zimmer für zwei Tage gebucht. Unsere Hilfe wurde endlich mal wirklich benötigt. Ab jetzt waren wir in der Küche. Wir schälten und schnitten alle möglichen Gemüsearten (viele, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte), bereiteten Muscheln und Meerestiere vor und waren später die Attraktion am Buffet. So wie bereits einige Male zuvor waren wir für die Nachspeise zuständig. In diesem Fall bereiteten wir malaysische Omelette zu. Ich glaube wir kochten echt insgesamt über 100 Stück, lächelten die ganze Zeit, beantworteten dieselben Fragen (Woher? Wie alt? Name? Gefällt es dir in Malaysien?) und ließen uns fotografieren. Zirkusaffe von Beruf. Ehrlich gesagt, fand ich das aber ganz lustig.

Ein Management mit Herz?!

An einem dieser Tage mussten wir dann auch über 9 Stunden arbeiten. Gut, eigentlich waren es laut Projekt 5 Stunden pro Tag, 6 Tage die Woche und dafür bekamen wir ein Zimmer und Essen…

(Ich hatte schon oft in meiner Jugend unbezahlte bzw. schlecht bezahlte Praktika hinter mir. Zwischenzeitlich kam es mir echt wieder vor als wäre ich 17 und würde wieder in demselben Hotel in Kärnten oder Wien schuften.)

Wir erledigten die Überstunden jedoch ohne uns aufzuregen, vor allem aus folgendem Grund: Die ganzen Angestellten waren superlieb und mussten unendlich viel arbeiten. Viele von ihnen hatten nämlich die meiste Zeit einen Hammerdienst von 6 Uhr in der Früh bis 23 Uhr am Abend.

Was uns an dem Arbeitspensum aber generell störte, war das Management. Adeline, die Besitzerin, kam einmal kurz zu uns und stellte sich vor, sagte einen Satz und war schon wieder weg. Die nächsten Male kamen immer nur Befehle von ihr. „Help in the kitchen!“, „Where did you work yesterday?“, „Help carrying things!“ oder sie war gelangweilt und versuchte irgendwas zu kritisieren. Genauso der Küchenchef. Er hatte sich nie bei uns vorgestellt (wir wissen bis heute nicht, ob er der Mann von Adeline ist), kam aber am Morgen eines Tags zu uns und meinte „You help today in the kitchen!“.

Wir arbeiteten an diesem besagten Tag in der Küche alle auf Hochtouren und das Einzige was er tat, er kritisierte so gut wie jeden von uns, dass wir etwas falsch machten. Er sprach zwar Englisch, aber befand es nicht für nötig, direkt mit uns zu kommunizieren, sondern beschwerte sich anscheinend bei jemand anderem und zwar über nachfolgende Geschichte (=wahre Begebenheit).

Wenn der eine nicht weiß, was der andere tut

Es gab so etwas Ähnliches wie Petersilie, das wir schneiden sollten. Ein Mädchen zeigte uns wie man das machte. Sie sprach fast kein Englisch, also taten wir einfach das, was sie uns zeigte. (Gelber Teil weg, unterer Teil vom Stil weg und dann die Blätter runterzupfen) Später kam der Küchenchef und beschwerte sich, dass wir das falsch machten – ohne uns aber zu zeigen, wie es ging. Wir mussten etwas Neues machen: Garnelen schälen. Fünf Minuten später kam Adeline und sagte, wir sollen nicht die Garnelen machen – wieder zurück zu dem petersilienähnlichen Gemüse. Jetzt zeigte sie uns, wie man das machte: gelber Teil weg, Blätter runter, klein schneiden und Stil wie beim Spargel schälen. Ok, gesagt, getan. Dann kam wieder er, sah uns und beschwerte sich, wieso wir das schon wieder machten. Dann – oh Wunder, diesmal begab er sich auf unser Niveau herab – zeigte er es uns selbst: gelber Teil doch nicht weg, Teil vom Stil nicht schälen, Blätter runter und alles kleinschneiden. Hallo, ist da wo die versteckte Kamera?

Wie schon erwähnt, sind die Angestellten echt supernett und machen immer Scherze mit uns. Alle bedanken sich am Ende eines Arbeitstages bei uns. Das Management allerdings, hat nicht einmal das Wort „Danke“ in den Mund genommen, geschweige denn uns irgendetwas gefragt z.B. „Gefällt es euch gut hier?“

Ich habe mir mehrere Tage lang die Frage gestellt, ob das nicht ein kultureller Unterschied ist. Ich glaube nämlich gar nicht, dass die Chefin und der Küchenchef das grundsätzlich böse meinten. Eher ist es der Führungsstil (denke ich), den es in asiatischen Ländern gibt. Die Vorgesetzten zeichnen sich dadurch aus, dass sie höchst ernst und seriös sind und es entkommt ihnen auch nicht einmal ein Lächeln.

Tja, daher also die geteilten Gefühle. Wie dem aber auch sei. Wir sind europäische Standards gewöhnt und erwarten Feedback-Kultur, Respekt und Kommunikation auf Augenhöhe, auch wenn wir nur „Praktikanten“ sind.

Alles hat ein ein Ende

Heute waren wir dann bei der Rezeption und haben mitgeteilt, dass wir am Montag fahren werden. Die Rezeptionistin sah etwas verwirrt aus und gab uns ein Zeichen, dass sie noch die Anzahl der Buchungen checken müsste, bevor sie uns das Ok geben könnte. Das hat uns ebenfalls genervt. Hallo, auch wenn wir hier gratis gearbeitet haben, besitzen wir einen eigenen Willen und können wohl selbst entscheiden, wann wir gehen, und wenn wir mal ehrlich sind: eigentlich sind wir gekommen, um was ganz Anderes zu machen…

Aber Ende gut, alles gut. Diese letzte Reaktion gab uns dann auch die Bestätigung, dass unsere Entscheidung richtig war. Ein bisschen nachdenklich stimmte uns der Abschied dann aber doch. Vor allem war es interessant, dass einer der Kellner (Sha) in den letzten zwei Tagen dann noch selbst wehmütig wurde. Auf einmal erzählte er uns seine Lebensgeschichte, von seiner Familie (Frau + Kinder) in Nepal, die er nur einmal im Jahr sieht und wollte unbedingt Schneegeschichten aus Österreich hören. Plötzlich wollte dann auch beim letzten Mal Abendessen jeder neben uns sitzen und aus den schüchternen Angestellten kamen plötzlich Fragen über Fragen: zu unseren weiteren Reiseplänen, wie es uns denn gefallen hatte etc. Die Krönung war dann beim Abschied noch ein regelrechtes Gerangel darum, wer die meisten Fotos und Selfies mit uns machten konnte. 😉 Das war dann doch noch ein schöner Abschluss.

Ich glaube trotzdem, dass mir diese Arbeitserfahrung jetzt dann wieder für die nächsten 1-2 Monate reicht. Dauerurlaub du hast mich wieder.